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#MeToo

Göttingen im Frühsommer 1984, Theologicum erster Stock – das Zimmer in der Ecke, der neutestamentliche Lehrstuhl (männlich, 55 Jahre).

Die Doktorandin (weiblich, 25 Jahre) tritt ein in die geöffnete Tür zwischen Sekretärin und Lehrstuhl-Inhaber.

Er schließt die Tür, zieht sie an sich, küsst sie. 

Sie spürt die Stacheligkeit seines neuen Schnauzers. Noch Jahrzehnte später wird sie das spüren. Und sich schämen.

Der Mann nimmt Platz. Die Frau sagt: „Das ist mir jetzt aber nicht recht.“ Noch mehr Scham.

Sie bringt ein kurzes Gespräch über die Arbeit zustande. Unwirklichkeit überall. Nur raus hier, nichts wie weg. Diesen Mann niemals wiedersehen! Warum hat sie es nicht vermocht, ihn ins Gesicht zu schlagen? Warum hat sie diesen dämlichen Satz gesagt? Warum war sie erschlagen statt wütend? Die Scham ist grenzenlos.

„Küsst“ – die Perversion eines Wortes. Jedes Sprechen mit diesem Wort ist falsch. Ihr fallen keine Wörter ein. Mit wem kann sie sprechen? Wer wird ihr glauben? Und: Ist das denn so schlimm? Fragt ihre damalige Schwiegermutter.

Hilfreich sind drei Menschen: ihr Bruder (männlich, 19 Jahre), der nach Göttingen kommt und die Dimension des Geschehenen versteht. Helga Ludwig-Steup, der viele Mitarbeiterinnen des Göttinger neutestamentlichen Lehrstuhls einfallen, die plötzlich und unerwartet keine Mitarbeiterinnen mehr waren und die dann ihren eigenen Doktorvater in Berlin anruft: Peter von der Osten-Sacken. Der übernimmt nur aufgrund eines Telefonates eine neue Doktorandin, die er nicht kennt, mit einem Thema, das er nicht gestellt hatte und das ihn nicht besonders interessiert – weil auch er die Dimension des Geschehenen verstand. 

Sie ist dankbar, schreibt dem Lehrstuhl-Inhaber in Göttingen einen sehr kurzen Absage-Brief, ändert ihr Dissertationsthema, arbeitet ein paar Jahre daran und verliert sich in den Strudeln des nachfolgenden Lebens. 

1994, am 11. Juni, starb der Göttinger Neutestamentler Georg Strecker im Alter von 65 Jahren an Krebs. Vier Tage später trat das Niedersächsische Gleichberechtigungsgesetz in Kraft; §11 definiert „sexuelle Belästigung“, §18 verpflichtet (u.a. Universitäten) zur Bestellung von Frauenbeauftragten. 2007 wurde die Doktorandin mit einer Arbeit zu einem dritten Thema an einer anderen Universität promoviert. 2017 entstand die MeToo-Bewegung. Dass auch der Bereich Theologie betroffen ist, steht nicht in den Medien. Die Scham ist vorbei.