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Ist es autobiografisch?

 Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929)

Ist es autobiografisch? Nein! Der unbekannte (oder unerkannt bleiben wollende) Schreiber des Nachwortes aus dem Jahr 1957 klassifiziert den Roman (und Vicki Baum gleich mit) so: „Sie begann früh zu erzählen und hat sich mit ihren Dramen und Novellen, außer bei den Verfassern zeitgenössischer deutscher Literaturgeschichten, allgemeine Anerkennung errungen dank ihrer ganz spezifischen unter unseren Landsleuten höchst seltenen Begabung, spannende Unterhaltung in literarisch einwandfreier, zuweilen meisterhafter Form darzubieten.“ Na so was? Einwandfrei! Und zuweilen sogar meisterhaft! Spannende Unterhaltungsliteratur ist es also. Lakonisch wird bemerkt, Vicki Baum lebe seit 1931 in Hollywood. Wow, soll da wohl die Leserin denken!

Sie war wie ihr zweiter Mann jüdischer Abstammung; beide konnten den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten frühzeitig durch Emigration entkommen. Baum war ausgebildete Musikerin (Harfe) und in erster Ehe mit einem Schriftsteller verheiratet. Über ihn entdeckte sie das Schreiben für sich. Ihre Bücher wurden 1933 bei der Bücherverbrennung verbrannt. All dies ist noch 1957 kein Wort wert. Eine erfolgreiche Frau, die sich jenseits der Normen eines nationalsozialistischen und wohl auch konservativen Frauenbildes bewegt, kann dann eben nichts anderes als eine Unterhaltungsschriftstellerin sein.

Ja, „Menschen im Hotel“ ist unterhaltsam. Es ist ein Buch mit scharfer, sozialkritischer Beobachtungsgabe, voller tragischer und komischer Begebenheiten, und hat eine Erzählerin (einen Erzähler?), die „nie ohne Erbarmen“ – darin hat der Nachwortschreiber recht – auf ihre sehr menschlichen Figuren schaut. Ein gutes Buch!

 

Tarjei Vesaas: Die Vögel (1957, deutsch: 2020)

Ist es autobiografisch? Wer weiß? Mattis ist sicher kein Alter Ego des norwegischen Autors. Aber seine Existenz, sein Innenleben, sein Leiden unter der Unmöglichkeit so zu sein wie alle anderen, sein Sich-nicht-mitteilen-Können, seine Angst verlassen zu werden – all dies ist nicht denkbar ohne dass jemand die Erfahrung des Auf-sich-geworfen-Seins kennt. Das Buch zieht einen in den Bann: die Sprache, die Landschaft, die Menschen und der Schnepfenstrich.

 

Natascha Wodin: Nachtgeschwister (2009)

Ist es autobiografisch? Ja, aber es ist ein Roman. Das literarische Ich ist nur vielleicht oder manchmal die Autorin. Und selbst wenn nichts „wahr“ wäre – was ist schon wahr? –, selbst wenn es keine Übereinstimmungen zwischen Jakob Stumm und einem Dichter gäbe, der real existiert hat: Das Lesen ist kaum auszuhalten, diese amour fou, die nicht nur die Protagonistin an den Rand ihrer selbst bringt, an das, was sie von sich geglaubt hat. Es gehört ein großer Mut dazu, ein solches Buch zu schreiben. Und ein noch größeres Können, diesem Thema einen fulminanten literarischen Text abzugewinnen.

 

Sasha Filipenko: Rote Kreuze (2017, deutsch: 2020)

Ist es autobiografisch? Vielleicht gibt es gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Autor Sasha und dem Ich-Erzähler Sascha. Aber das ist egal. Außer der Ähnlichkeit im Namen haben sie – hoffentlich – nicht viel an Lebensschicksal gemeinsam; ähnlich sind sie sich sicher in ihrer Leidenschaft für Geschichten, die sich aus Dokumenten entwickeln. Wer je vom Schicksal sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener gelesen hat, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Sowjetunion zurückkehren konnten, weil sie als Vaterlandsverräter galten, der weiß, dass die von Filipenko erzählte Geschichte der an Alzheimer erkrankten Tatjana eine wahre Geschichte ist. Sie gewinnt ihre Wahrheit gerade im Erzählen, im verzweifelten und im Roman gelungenen Versuch, diese wahre Geschichte dem Vergessen zu entreißen. Der Schmerz, die Trauer und das Vergessen sind für die beiden Nachbarn Sascha und Tatjana gemeinsame Themen. Und in diese Gemengelage hineingewoben ist sehr kunstvoll und spannend ein Stück Geschichte erzählt, das zugleich trotzig und voller Lebensmut ist.

 

Katja Oskamp: Marzahn mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin (2019)

Ist es autobiografisch? Ja. Es sind Portraits der Kunden, die hier, leicht verwoben mit der eigenen Geschichte, erzählt werden: mit genauer Beobachtungsgabe, selbstironisch, witzig, lakonisch. Niemals bloßstellend, obgleich das bei so viel menschlichem Irrwitz zuweilen ein Leichtes gewesen wäre. Ganz nebenbei gewährt das Buch auch kleine Einblicke in den Literaturbetrieb, in die Nachwendezeit und lauter ganz normale Leben. 

  

Esther Safran Foer: Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind (2020)

Ist es autobiografisch? Ja. Das Buch beschreibt die akribische Suche nach einer zunächst unbekannten Schwester – ja, nach einer ganzen Familiengeschichte, die in der Schoa zertrümmert wurde. Teile dieser Geschichte kennen Leserinnen und Leser aus Jonathan Safran Foers Roman „Alles ist erleuchtet“. Er suchte nach dem Ursprungsort Trochenbrod in der heutigen Ukraine, fand ihn aber nicht, weil er nicht mehr existiert und nichts mehr an ihn erinnerte. So fiktionalisierte er den Ort zu Trachimbrod. Seine Mutter Esther fand ihn und ihre Familiengeschichte auch. Diese Suche, dieses bittere Glück des Findens, das ein Finden von Toten, von furchtbaren Schicksalen und von Gräbern ist, die Frage, wie wichtig es ist, die Vergangenheit zu kennen, um Traumata zu überwinden und die Zukunft leben zu können, all dies zu lesen ist eine Aufgabe, wenn man aus dem Land der Täter kommt, und eine Mahnung, dass sich diese Geschichte nie wiederholen möge. Esther Safran Foer macht es einem leicht, in diese Mahnung einzustimmen.

 

Karin Kalisa: Bergsalz (2020)

Ist es autobiografisch? Nein, dieses Buch hat mit Autobiografischem nichts zu tun – außer dass es natürlich kein Buch gibt, das unabhängig von der Autorin wäre. „Bergsalz“ ist wie „Sungs Laden“ von 2015 ein Buch, das an der Grenze zwischen Realität und Märchen angesiedelt ist. Kalisa behandelt ihre Protagonistinnen und den einen Protagonisten freundlich. Sie beobachtet genau, ist auf der Suche nach dem Guten im Menschen, nicht nach ihrer Schlechtigkeit. Der Ernst und das Ende des Lebens bleiben nicht außen vor, aber die Suche nach dem Guten ist es, was „Bergsalz“ zu einem wahren Antidepressivum macht.

 

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet (2020)

Ist es autobiografisch? Ja, denn der Autor sagt von sich selbst, er habe überall autobiographische Soße drübergekippt. Der Ich-Erzähler hat fast keine Distanz zum Autor. Das ist für die Leserin nicht schlimm, weil klar ist (aus vorigen Lektüren) oder klar wird, dass die Darstellung des Ichs sowieso ein zweites Ich konstruiert: selbstironisch, witzig, warmherzig ehrlich – und sehr berührend. Und die Frage des Autobiografischen kommt einem am Ende ganz albern vor.

 

Mely Kiyak: Frausein (2020)

Ist es autobiografisch? Ja. Aber das Buch ist viel mehr als das: poetisch, schön, traurig, urkomisch. Es ist ein Buch über einen wunderbaren Vater. „Ich bin dein Vater. Ich sehe dich immer sofort.“, erklärt er dem kleinen Mädchen, das die Hände vors Gesicht hält, und das gefunden werden will. Und eins, über eine Tochter, die erwachsen ist und erwachsen wird. Viel Wärme ist in diesem Buch, Dankbarkeit und freundliche Nachsicht.

 

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein (2020)

Ist es autobiografisch? Ja, wenn denn ein Sachbuch überhaupt autobiografisch sein kann. Von 2010 bis 2013 schrieb Gümüşay eine bemerkenswerte Kolumne in der „taz“. Sie hieß schlicht „Das Tuch“. Gümüşay war erst 22 Jahre alt. Ihre Sprache und ihr Stil waren damals schon nicht auf Konfrontation und Marktschreierei aus, sondern auf freundliche und argumentierende Überzeugungsarbeit. Auch ihr erstes Buch ist so. Gümüşay hat nicht nur einen Blick für den expliziten Rassismus und den offenkundigen Frauenhass, sondern auch für die leisen, fast unsichtbaren Zeugnisse in der Sprache, die zeigen, dass wir uns nicht in herrschaftsfreien Räumen begegnen. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen, ihr Argumentieren, das ist der autobiografische Strom, der dieses Buch antreibt.