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Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Einar Turkowski: Aus dem Schatten trat ein Fuchs. Gerstenberg 2019

Offiziell ist das Buch ein Bilderbuch. Das Format (28,5 x 28,5 cm) spricht dafür. Auch die ganzseitigen Zeichnungen sprechen für ein Bilderbuch. Eine Geschichte wird erzählt, die einen Anfang und ein Ende hat: Einem Fuchs war nach etwas Farbe. Das ist der Anfang. Und das Ende ist, obgleich es der Rezensentin eindeutig schien, ganz offensichtlich nicht eindeutig. Die ganzseitigen Bilder sind Bleistiftzeichnungen und fast immer uncoloriert schwarz-weiß. Es sind stimmungsvolle, detailreiche, surreale Szenen, in denen man, wenn man das Buch gemeinsam mit Jugendlichen anschaut, nach Indizien für die Theorien über die Geschichte suchen kann. Aber ist es überhaupt eine Geschichte? Oder sind es eher Gedichte? Die Texte bestehen nämlich aus sechs sehr kurzen Sätzen pro Seite, bei denen immer zwei einen Endreim haben. Das Buch hat eine spannende Bild-Text-Beziehung: Der Text erzählt nicht die Bilder, die Bilder illustrieren nicht den Text. Aber es gibt vermittelnde Beziehungen zwischen Text und Bild. Das Buch lädt zum Nachdenken und Miteinander-Sprechen ein; vieles hat diverse Bedeutungsebenen. Und weil nicht ganz klar ist, ob es nun ein Bilderbuch für Kinder oder ein Buch mit Bildern für Erwachsene ist, gibt es auf jede der folgenden Fragen mehrere Antworten: von Emma (7), Lisa (13), Martha (17) und Bärbel (62):

 

Wie gefallen dir die Bilder?

Lisa: Es sind sehr schöne Bilder, sowohl die Stimmungen als auch die Szenerie.

Bärbel: Die Bilder sind wunderbar gezeichnet. Es gibt geheime Objekte in ihnen, Fantasieblumen und Schilder. Die Landschaft strahlt eine große Stille aus, es ist eine geheime, menschenleere Landschaft, in der der Fuchs und ein Vogel herumstreifen.

 

Geht die Geschichte gut aus?

Emma: Schade, dass der Vogel am Ende alleine ist.

Martha: Der Fuchs hat den Tod gefunden. Das ist etwas unbefriedigend. Aber weder schlecht noch gut, wie halt das Leben.

Bärbel: Ja, die Sehnsucht des Fuchses nach Farbe wird gestillt. Es ist interessant, wie das geschieht, und die Leserin denkt unweigerlich darüber nach, wodurch eigentlich das eigene Leben Farbe gewinnt. Und warum auf dem vorletzten Bild der Himmel dunkel und mit Sternen gezeichnet ist, der Text aber sagt: „Denn die Nacht war vorüber.“ 

 

Was ist das für ein Fuchs?

Lisa: Es ist ein unzufriedener Fuchs auf der Suche nach etwas, vielleicht seinem Platz in der Welt. Was soll die Farbe bedeuten?

Bärbel: Es ist ein Fuchs, der schlau ist. Er kann Spuren lesen und Düften folgen. Und ihn treibt eine Ahnung, dass es mehr gibt als die Nacht, in der er lebt.

 

Wem würdest du das Buch schenken? 

Emma: Ich würde es gern behalten!

Lisa: Mir selbst!

Martha: Ich würde es Ästheten schenken, auf jeden Fall nur Leuten, die nicht depressiv sind! Menschen, die an Poesie interessiert sind; die gibt es in meinem Umfeld aber nicht.

Bärbel: Ich würde das Buch keinem Kind schenken. Jedenfalls keinem, das Computerspiele spielt. Vielleicht einer Freundin, die gerade etwas Trost braucht.

 

Warum gefällt dir das Buch? Oder gefällt es dir nicht?

Emma: Ich mag Füchse und die Bilder sind schön.

Lisa: Mir gefällt es, da es interpretationsoffen ist und der kurze Text nur Anregungen gibt, aber keine Antworten.

Martha: Es gefällt mir. Die Suchrätsel in den Bildern lösen sich zwar nicht auf, aber es macht ja auch im Leben nicht alles Sinn. 

Bärbel: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft.

 

[Rezension erscheint in "Religion 5-10" Heft 44 (4/2021)]