Sammeltassen

Anna Catharina wurde 1854 mit einundzwanzig Jahren die zweite Ehefrau eines zwölf Jahre älteren Taugenichts; sie wusste nur nicht, dass er ein Taugenichts war. Zur Hochzeit bekam sie zwei Sammeltassen geschenkt: hübsche geschwungene mit Blumenmuster. Eine eigene Familie, das war ihr Ziel. Sie hatte auch ein bisschen Mitleid, denn der Mann war Witwer und es gab eine niedliche kleine Vierjährige mit dem schönen Namen Vennedine. In den nächsten zweiundzwanzig Jahren kamen zwölf eigene Kinder. Drei Kinder sind Anna Catharina weggestorben, das vierte und fünfte im ersten Lebensjahr, das achte mit vier. Als dieser Vierjährige starb – er konnte schon sprechen! –, waren die Zwillinge bereits zwei. Und sie selbst war mit dem elften Kind schwanger. Danach kam vier Jahre später noch ein letztes Kind: Katharine. Vennedine und Anna Catharina wurden ein gutes Team. Den Mann aber hat sie oft genug zum Teufel gewünscht. Er hatte sich nicht im Griff, wenn er getrunken hatte. Einmal hat ihr Bruder ihn angezeigt, da musste er acht Monate sitzen – und sie hatte acht Monate Ruhe. 

Anna Catharina starb kurz nach ihrem siebenundfünfzigsten Geburtstag, wenige Wochen nach Vennedine. Katharine war erst dreizehn. Ein halbes Jahr später heiratete ihre nächstältere Schwester einen Mann aus der Nachbarschaft, da blieb Katharine mit dem Taugenichts zurück. 1890, drei Tage vor Weihnachten, erhängte er sich; er kam mit seinem Leben einfach nicht klar. Wahrscheinlich hat Katharine ihn gefunden. Der Haushalt wurde aufgelöst. Katharine war vierzehn. Sie verdingte sich als Magd auf einem Schulzenhof. Sie besaß nur das, was sie am Leibe trug – und die zwei Sammeltassen ihrer Mutter. Die waren in der Vitrine. Die Untertassen musste sie in der Küche suchen, die waren in Gebrauch gewesen. Ein Glück, dass sie sie noch fand. 

Katharine blieb bis zu ihrer Volljährigkeit auf dem Schulzenhof, sie bekam genug zu essen und erholte sich langsam. Und dann irgendwann verliebte sie sich in einen der Söhne – nicht in den Hoferben, sondern in einen, der abheiraten musste. Katharine wurde schwanger. Drei Monate vor der Geburt ihres Sohnes heirateten sie und Katharine zog mit ihrem Mann in die Stadt. Er war nun kein Bauern- und kein Schulzensohn mehr, sondern ein Arbeiter. Ein Jahr nach dem ersten Kind wurde eine Tochter namens Anna geboren. Dann kam noch eine weitere Tochter.

Diese Anna, die mittlere und glücklichste der drei Geschwister, erbte die zwei Sammeltassen ihrer Mutter Katharine. Sie hütete sie gut. Anna hatte drei Kinder: zwei Söhne und dann noch nach etlichen Jahren Anneliese, ihr Augenstern. Mit den Söhnen hatte Anna kein Glück: Der eine starb unverheiratet, der andere heiratete eine Katholische. Natürlich bekam Anneliese die Tassen. Vermutlich, als sie 1971 heiratete.

Anneliese hatte nun also die zwei Sammeltassen ihrer Urgroßmutter. Wohin mit diesen Tassen? Erstmal ins Buffet! Da blieben sie dreißig Jahre lang. Nur zwei Söhne, einer hatte keine Frau gefunden oder keine Frau gewollt, der andere hatte eine, aber die Schwiegertochter schien ihr nicht geeignet. So übergab sie am Ende ihres Lebens die beiden Tassen einer Kusine zweiten Grades. Mariechen war gewissenhaft und hatte im Übrigen dafür gesorgt, dass nahezu alle Vettern und Kusinen zweiten Grades sich kannten und trafen. Wer, wenn nicht diese Marie, würde für die schönen Tassen gut Sorge tragen können?

Mariechen, eine Enkelin des elften Kindes von Anna Catharina, schlug ein solches Erbe nicht aus. Es wäre einfach nicht möglich gewesen. Sie behielt die Tassen ein paar Jahre und stellte sie in einen Schrank. Nach ihrem neunzigsten Geburtstag zog sie in ein Altenheim. Die Tochter eignete sich nicht als weitere Verwahrerin, die hatte keine Kinder. Wohin nun mit diesen Tassen? Mariechen und ihre Tochter machten mit den Tassen ein Abschiedsfrühstück. Was für ein Wunder, dass es die Tassen noch gab. Ob je jemand aus ihnen Kaffee getrunken hatte? Und was für ein schweres Leben alle diese Frauen gehabt hatten. Vom Glück und von den guten Stunden, die es doch wohl hier und da gegeben haben muss, ist nichts überliefert. Warum ist das so? Dann schickten sie die Sammeltassen und die beiden Untertassen gut verpackt mit der Post zu Heinrich, das war einer der Vettern zweiten Grades. 

Heinrich war ein Enkel von Anna Catharinas zehntem Kind. Er war zwar ein Mann, aber er hatte eine vierundzwanzig Jahre jüngere Frau geheiratet und – das ist jetzt entscheidend! – drei Töchter. Nun muss es was werden mit diesen zwei Tassen! Wer wird sie nehmen? Henrike, Anita oder Edda?